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von Angelika und Dieter Rehm
>>> Warum Kinder Märchen brauchen
Märchen sind im Nirgendwo-Irgendwann-Reich angesiedelt. Waren sie ursprünglich als Erzählform ein Mittel, abhängigen Schichten aus innerer Gegenwehr zu ihrer gesellschaftlichen Lage eine utopische Kompensation in Form von Träumen zu verschaffen, wurden sie erst mit ihrer schriftlichen Fixierung durch die Sammlung der Gebrüder Grimm zur Kinderliteratur. Ihre Faszination gewinnen sie durch Wesen, die in Gleichnissen, Symbolen und Bildern den Kindern in ihrem „magischen Zeitalter“ ihre innere Welt spiegeln. Dazu schreibt Bruno Bettelheim („Kinder brauchen Märchen“, München 1982): „Soll eine Geschichte ein Kind fesseln, so muss sie es unterhalten und seine Neugier wecken. Um aber sein Leben zu bereichern, muss sie seine Fantasie anregen und ihm helfen, seine Verstandeskräfte zu entwickeln und seine Emotionen zu klären. Sie muss auf seine Ängste und Sehnsüchte abgestimmt sein, seine Schwierigkeiten aufgreifen und zugleich Lösungen für seine Probleme anbieten. Kurz: Sie muss sich auf alle Persönlichkeitsaspekte beziehen. Dabei darf sie die kindlichen Nöte nicht verniedlichen; sie muss sie in ihrer Schwere ernst nehmen und gleichzeitig das Vertrauen des Kindes in sich selbst und in seine Zukunft stärken. In dieser und in manch anderer Hinsicht ist sowohl für Kinder als auch für Erwachsene – von wenigen Ausnahmen abgesehen – in der gesamten „Kinderliteratur“ nichts so fruchtbar und befriedigend wie das Volksmärchen.“ Die weiter unten aufgeführten „Definitionen“ und „Wesensmerkmale des Märchens“ sollen Ihnen in diesem Zusammenhang eine kleine gedankliche Hilfe zur Begegnung mit Märchen geben.
Märchen lesen oder vorlesen? Für Schülerinnen und Schüler der 1. und 2. Klasse sollte die Antwort lauten: vorlesen (sofern nicht unterrichtliche Erarbeitungen das Lesen erforderlich macht oder es sinnvoll erscheinen lässt). Einerseits weil die Lesefähigkeit noch nicht ausgeprägt ist und andererseits, weil die bilderstarke Sprache das Sprechen geradezu herausfordert. Das gedruckte Wort wird also wieder in den Märchenursprung des gesprochenen Wortes zurückverwandelt. Natürlich kann das leise Lesen eines Märchens die Vorgänge und Probleme transportieren, allein das Vorlesen erweckt die „Partitur“ zum Leben durch die Modulation der Stimme, deren Klang, die Sprechmelodie, den Rhythmus (und seine Wechsel) und die Betonung. Die Forderung der Kinder nach der Wiederholung von Vorgelesenem oder der Zulauf bei Veranstaltungen mit Märchenerzähler/Innen geben beredtes Zeugnis für die in den letzten Jahren gewachsene Bedeutung des Märchens. Das gilt auch für Erwachsene!
Das im Märchen repräsentierte kollektive Unbewusste und Archetypische (C. G. Jung) oder, wie es Max Lüthi ausdrückt, „die Neigung des Märchens zur Universalität“ sind der gemeinsame Nenner einer interkulturellen Bildersprache. So können Märchen – wie übrigens auch die Musik – Brücken zu anderen Rassen, Kulturen und Religionen schlagen und können somit in erzieherischer Absicht zu Toleranz und Verständnis beitragen. Darüber hinaus gelingt es dem Märchen auf ganz besondere Weise eine fantastische Bilderwelt in den Kindern entstehen zu lassen, die eigenes Erleben ermöglicht, was auf das Lernen bezogen weitaus wirksamer ist als Gelehrtes.
Vergegenwärtigen wir uns kurz einige Erkenntnisse der Lernpsychologie. Man behält das, was man gelernt hat zu 10 % durch Lesen, zu 20 % durch Hören, zu 30 % durch Sehen, zu 50 % durch Hören und Sehen zusammen, zu 70 % durch Erzählen und zu 90 % durch eigenes Handeln. Deshalb ist ein handlungsorientierter und fächerübergreifender Unterricht „mit allen Sinnen“ auch so besonders wertvoll.
>>> Definitionen
Märchen Der Begriff leitet sich aus dem Mittelhochdeutschen her: maere = Erzählung, Geschichte, Bericht, Nachricht, Kunde, Botschaft. Das Märchen ist eine verhältnismäßig kurze Prosaerzählung mit wunderbar-fantastischen Inhalten. Es hat weder eine zeitliche noch eine räumlich festgelegte Sphäre. Formal bedient sich das Märchen der Alltagssprache, überschreitet jedoch inhaltlich die Grenzen der Realität, indem es unwirkliche Gestalten und Begebenheiten zum Gegenstand seiner Handlungen macht. Die dem Märchen zugrunde liegende Weltordnung ist einfach und klar konturiert. Die im Geflecht völlig gegensätzlicher Eigenschaften von Personen und Situationen (gut – böse; arm – reich etc.) entstehenden Konflikte führen letztendlich zu glücklichen Lösungen. Dies entsprach dem Wunschdenken von Erzählern und Zuhörern und deren Vorstellungen von ausgleichender Gerechtigkeit zur Zeit der mündlichen Überlieferung dieser Geschichten. Sie dienten als Volksmärchen (Zauber-, Wunder-, Tier- u. a. Märchen) zunächst der Unterhaltung von Erwachsenen (waren also ursprünglich nicht für Kinder gedacht). Die Brüder Grimm sammelten diese Erzählungen aus dem deutschsprachigen Raum und veröffentlichten sie in gedruckter Form in den Jahren 1812 – 1815 unter dem Titel „Kinder- und Hausmärchen“. Neben den Volksmärchen entstanden die Kunstmärchen. Typisch für diese Gattung ist, dass die Geschichten jeweils einem namentlich bekannten Autor zugeordnet werden können (L. Tieck, J. W. v. Goethe, C. Brentano, E. T. A. Hoffmann, W. Hauff, H. Ch. Andersen, Ch. Dickens, O. Wilde, H. v. Hofmannsthal).
Sage Ebenso wie das Märchen sind Sagen meist kürzere Erzählungen, die allerdings stärker realitätsbezogen sind: Ort und Zeit können angegeben sein; der Held der Sage hat individuelle Züge. Agiert er im Märchen jedoch aktiv und geht als „Sieger“ hervor, zeigt er sich in der Sage passiv und wird zum ohnmächtigen „Verlierer“.
Legende Die Legende steht der Sage sehr nahe, schildert jedoch Begebenheiten von Heiligen und Märtyrern.
Mythos (aus dem Griechischen: „Erzählung“) Der Mythos ist eine erzählende Darstellung menschlicher Vorstellungen vom Wirken der Götter, von Dämonen und Helden. Dabei soll der Mythos die Welt und die Situation des Menschen in ihr deuten.
Fabel Auch die Fabel zählt zu den Erzählungen in überwiegend kurzer Form. In ihr (Vers oder Prosa) verkörpern vor allem Tiere, aber auch Pflanzen, menschliche Eigenschaften und Verhaltensweisen, die wie Gegenpole zueinander stehen. Den Schluss der Fabel bildet meistens eine Belehrung.
Schwank Schwank ist die Bezeichnung für eine lustige Erzählung oder ein volkstümlich-humorvolles Schauspiel. Prägnantes Merkmal ist das listige „Hereinlegen“ des Dummen durch den Schlauen.
Gleichnis Das Gleichnis ist ein dichterisch ausgestalteter Vergleich eines Ablaufes oder eines Zustandes mit den Mitteln entsprechender, bereits bekannter Sachverhalte aus anderen Lebensbereichen.
Parabel Im Gegensatz zum Gleichnis vergleicht die Parabel nicht „Sache mit Sache“, sondern setzt das „Bild neben die Sache“. Wie die Fabel hat die Parabel ein lehrhaftes Anliegen.
>>> Wesensmerkmale des Märchens
„Erzähl’ mir keine Märchen“ – diesen Spruch kennen wir alle. Und besetzen den Märchenbegriff damit negativ: Das Märchen als etwas Geflunkertes, nicht Glaubhaftes, ja sogar als Lüge. Unter „Definitionen“ haben wir versucht, den Märchenbegriff einigermaßen prägnant und objektiv darzustellen. Allein die analytische Vorgehensweise bei Definitionsversuchen ist dem „Märchen“ mit seinen fantasiereichen Ausblühungen kaum angemessen. Die vielleicht sinnvollste Näherung hat der schweizerische Märchenforscher Max Lüthi („Das europäische Volksmärchen“ 1947) versucht. Lüthi definiert das Märchen über seine Wesensmerkmale und kommt dabei zu recht eingängigen, auch für die Märchenanalyse hilfreichen Schlüssen:
Die Eindimensionalität Das Wirkliche und das Unwirkliche liegen auf einer Ebene, d. h. die Verwebung des Irrealen mit dem Realen stellt sich nicht als unvermittelter Bruch dar. Und hier liegt das Märchen kongruent zur Wahrnehmungswelt des Kindes.
Die Flächenhaftigkeit a) Es fehlt weit gehend an räumlichen und umweltbezogenen Schilderungen. b) Die Zeit stellt sich als eingefrorener Zustand dar, sie zeigt kaum Verläufe und Entwicklungen. Marie-Louise von Franz: „Nirgendwo – Irgendwann – Reich“.
Der abstrakte Stil a) Die Personen des Märchens besitzen keine Innenwelt, sie weisen keine unverwechselbare Individualität auf, d. h. sie sind typisiert. Es gibt keine Begründung für ihr So-Sein. b) Das Extrem (schwarz – weiß) wird allen „Graustufen“ vorgezogen: z. B. Strafe/Belohnung; das unvermittelt eintretende Wunder; die außerordentliche Bedeutung von Verboten und Bedingungen.
Isolation und Allverbundenheit Die Personen des Märchens stehen isoliert, ohne innere soziale Bindung. Auch die Handlungsverläufe wirken isolierend, sind sie doch eindimensional, nach dem Reihungsprinzip angeordnete Episoden. Die Handlung des Märchens wird weniger von innen als von außen gelenkt. So können die Handlungsträger jederzeit neue Verbindungen eingehen oder alte lösen, also multilaterale Verknüpfungen herstellen.
Sublimation und Welthaltigkeit Obwohl die Darstellungsweise des Märchens wirklichkeitsfremd ist, zeigt es andererseits doch viele wesentliche Charakteristika des menschlichen Lebens, eine Art Weltspiegelung.
Abgesehen von den stilistischen Eigenheiten ist nach Lüthi („Märchen“, 1976) das europäische Volksmärchen gekennzeichnet von einem bestimmten Handlungsablauf, Personal und Requisitenbestand und einer bestimmten Darstellungsart (Stil).
Handlungsablauf Grundlegendes Schema sind Schwierigkeiten und deren Bewältigung. Ausgangslage ist der Mangel oder die Not, eine Aufgabe oder ein Bedürfnis.
Personal und Requisiten Hauptträger der Handlung ist der Held. Alle wichtigen Figuren sind auf ihn bezogen (Partner, Schädiger, Helfer, Kontrastfiguren). Die meist namenlosen Figuren polarisieren sich scharf in ihren Eigenschaften (gut – böse; schön – hässlich).
Darstellungsart Die Handlung ist meist einsträngig, neigt zu einem raschen Verlauf bei nur knapper Schilderung von Figuren und deren Umwelt. Es besteht eine Vorliebe für alles klar Ausgeprägte: reine Farben (rot, weiß, schwarz, golden, silbern), Metallisierung und Mineralisierung (Versteinerung).
Stilisierte und gesetzmäßig variierte Wiederholungen werden oft gekennzeichnet durch Zahlen (drei, sieben, hundert).
(Quelle: Aus „… so leben Sie noch heute 1/2“ von Angelika und Dieter Rehm)
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