Newsletter aus der Redaktion

Ausgabe September 2020


Liebe Kolleginnen und Kollegen,

neulich abends war ich mit dem Auto unterwegs nach Hause. Wahrscheinlich kam ich vom Einkaufen und war in Gedanken schon beim Abendprogramm; dem Kochen oder was ich meinem Sohn vor dem Schlafengehen vorlesen könnte. Dann sah ich aber etwas ganz Besonders im Vorbeifahren: Vor dem Mehrfamilienhaus in meiner Nachbarschaft stand ein Mann auf dem Parkplatz und machte Tai-Chi. Mit einem Samuraischwert in der Hand. Jetzt stellt euch das bitte einfach mal ganz genau vor: Ein Mitteleuropäer mit Trainingsanzug, ganz in sich vertieft, vollführt mit würdevoll bedeutsamer Langsamkeit seine Schritte und führt dabei ein Schwert in der Hand als vollzöge er gerade ein bedeutsames Ritual. Die Szene ist in rosafarbenes Abendlicht getaucht, wie es eigentlich nur in unserer Kindheitserinnerung oder in der Shampoo-Werbung vorkommt. Alles das sehe ich nur ganz kurz, schlaglichthaft, im Vorbeifahren, denn ich muss durch die kleine Stichstraße durch – und stehen bleiben und gaffen macht man ja nicht.

In der deutschen Sprache gibt es zwar das wunderbare Wort „Fremdschämen“, aber warum gibt es eigentlich keinen Begriff für gegenteiliges Empfinden? „Fremdfreuen“ wäre genau das, was ich in diesem Moment empfand. Da ist jemand, der trotz der beengten Wohnsituation seinem Hobby, einer Leidenschaft nachgeht und dem es offensichtlich egal ist, ob die Nachbarn im biederen Vorort glotzen oder nicht. Wie genial ist das denn?

Dazu passend: Im ABC der Tiere Lesebuch 2 gibt es die Geschichte „Nina und das Gänseblümchen“. Ein kleines Mädchen kommt mit ihrem Vater vom Einkaufen und während der die Einkäufe schleppt, bleibt sie voller Staunen an einem Gänseblümchen stehen, das mitten auf dem Gehweg wächst. Der Vater sieht dort nichts Besonderes; das Mädchen möchte um das kleine Naturwunder am liebsten einen Zaun errichten.

Ich habe beim ersten Lesen vor vielen Jahren das Konzept der Geschichte, verborgene Schönheit im Alltag zu sehen, schon verstanden. Aber ganz ehrlich, wie verinnerlicht ist diese Fähigkeit schon bei uns Erwachsenen?

Aber ich erwische mich in letzter Zeit doch immer wieder dabei, mich über die kleinen Dinge zu freuen, die um mich herum passieren. Die Begeisterung meines Sohnes, eine sonnenbadende Eidechse zu sehen. Das ältere Ehepaar, das händchenhaltend durch unsere Straße spaziert. Das richtige Lied im Radio auf dem Weg zur Arbeit.

Meinen Tai-Chi-praktizierenden Nachbarn habe ich übrigens noch ein paar Mal gesehen. Letztens bewegte sich eine weitere Tai-Chi-Schwerttänzerin synchron und anmutig mit ihm.

Herzliche Grüße

Eure Stefanie Drecktrah
Redaktion Mildenberger Verlag

 

Im September 2020 erscheinen in unserem Verlag

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